Zur aktuellen Situation in der Landwirtschaft

Am vergangenen Wochenende hatte die CDU Kirchlinteln neben dem Kreislandwirt Jörn Ehlers auch den Landtagsabgeordneten Marco Mohrmann aus dem Landkreis Rotenburg zu Gast, um über die aktuelle Situation in der Landwirtschaft zu sprechen. Die Verdener-Aller-Zeitung berichtete am 20. Oktober:

Vollständiger Artikel aus der VAZ vom 20.10.2020:

Die Reduzierung der Schlachthofkapazitäten durch Coronainfizierungen verursachte einen Schweinestau, der mittlerweile bis nach Deelsen reicht. Die schlachtreifen Tiere konnten nicht mehr pünktlich von der Viehvermarktung von den Bauernhöfen abgeholt werden. Dieser Überhang an Mastschweinen ist nun auch vollends bei den Betrieben in der Region angekommen.

„Wir haben derzeit 400 Schweine im Betrieb, die schon längst abgeholt worden wären, unter normalen Umständen“, sagte der Deelsener Landwirt Henning Müller bei einem Fachgespräch mit dem Mitglied im Agrarausschuss des Landtages, Marco Mohrmann (CDU). Der CDU-Gemeindeverbandsvorsitzende Arne Jacobs hatte nach Deelsen eingeladen, um von betroffenen Landwirten aus erster Hand mehr über die Probleme zu erfahren.

„Es wird eklig. Das liegt daran, dass die Nerven blank liegen“, sagte Müller zur aktuellen Situation. Denn die Betriebe wüssten einfach nicht, wo sie mit den Tieren hinsollen, weil die Vermarkter nur noch nach Kontingent die Anzahl für den Abtransport runterstreichen und somit immer mehr Schweine im Stall bleiben müssen. Die Boxen seien durch die weiter wachsenden Tiere einfach zu voll.

Zu den räumlichen Problemen kämen die wirtschaftlichen Schäden, weil Mastschweine mit 130 bis 140 Kilo Gewicht massive Punktabzüge beim Schlachthof bringen würden, obwohl die längere Unterbringung im Stall natürlich wegen mehr Futterbedarf auch erhebliche Mehrkosten verursache. Dieser Teufelskreis von Mehrkosten und fehlenden Erlösen beim Schlachthof habe schon einige Betriebe an den äußersten Rand der Zahlungsfähigkeit gebracht.

Als Lohnunternehmer berichtete Müller von Kunden, die zurzeit einfach keine liquiden Mittel mehr zur Begleichung der Rechnungen hätten, was in dem Ausmaß nicht vergleichbar mit früheren Krisen sei. „Jedem Betrieb fehlen Unmengen an Geld für die laufenden Geschäfte“, so Müller. Dadurch habe der Schweinestau auch massive Auswirkungen auf die ganze Landwirtschaft und die Wirtschaftskraft im ländlichen Raum. Müller kenne Berufskollegen, die kurz davor seien, alles hinzuschmeißen und den Betrieb aufgeben wollen.

Klar sei, dass in dem System der Schweinemast nicht plötzlich der Hebel, wie bei einer Maschine umgelegt werden könne, weil die Ferkel schon seit Monaten in den Sauen heranwachsen und dann zum berechneten Termin geboren werden. Deswegen sollen Vermarkter sogar schon von Nottötungen von Ferkeln reden, was die anwesenden Landwirte entschieden ablehnten. „Ein Landwirt geht nach der Nottötung nie wieder in den eigenen Stall“, wurde Müller deutlich.

Nottötungen seien laut Mohrmann eine Maßnahme, die es mit allen Mitteln zu verhindern gelte. „Nottötungen würde die Branche in der gesellschaftlichen Debatte nicht aushalten. Gerade wo die gesellschaftliche Akzeptanz von Landwirtschaft ein Standortfaktor ist“, so Mohrmann. Deswegen sei es wichtig, kurzfristig und nachhaltig mehr Kapazitäten bei den Schlachthöfen zu schaffen, um die aktuelle Krise zu bewältigen und zukünftige Probleme abzufedern.

Kreislandwirt Jörn Ehlers kritisierte die Konzentration der Schlachthofkonzerne rund um Tönnies, wodurch in der unmittelbaren Region viel zu wenige Schlachthöfe zu finden seien. „Als bei Zeven ein Schlachthof schließen musste, waren es die gleichen Politiker, die erst jammerten, aber dann später den neuen Schlachthof bei Rotenburg mit allen Mitteln verhinderten“, sagte Ehlers, der auch Landvolkvorsitzender in Rotenburg ist.

Ein Weg aus der Krise könnte die Umstellung der Schnitzelproduktion auf ein System mit weniger Mengenoptimierung, aber mit Standards, wie dem Qualitätssiegel QS, sein. Dabei seien mehrere Aspekte wichtig, wie mehr Tierwohl und mehr Platz in jeder Box. „Dafür muss die Gesellschaft aber auch verpflichtet werden, damit die Kosten vom Verbraucher mitgetragen werden“, sagte Ehlers. „Es muss Schluss mit Lippenbekenntnissen sein. Der Verbraucher entscheidet anders an der Ladentheke, wenn es um den Preis geht“, so Landwirt Henning Müller.

Mohrmann berichtete über die Arbeit der Borchert-Kommission, die der Frage nachgehe, wie es überhaupt mit der Tierhaltung weitergehe. Ein Ergebnis dieser Expertenkommission auf Bundesebene werde eine Verbraucherabgabe von 40 Cent pro Kilo Fleisch sein. Soweit die Prognose von Mohrmann. „Das ist der einzige Weg, mehr Geld in das System zu bekommen. Der freie Markt regelt das nicht“, sagte er.



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